Rita Ernst

English version below

Die Künstlerin Rita Ernst (*1956) zeigt eine Serie von Gemälden, welche in Zürich noch nie zu sehen war. Rita Ernst ist seit ihrer Ausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich im Jahr 2009 auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt.

2008 wurde die in Sizilien und Zürich lebende Künstlerin von Senatore Ludovico Corrao von der sizilianischen Stiftung Fondazione Orestiadi nach Tunesien eingeladen. Schon in Sizilien haben die ornamentalen Muster von alten Keramik-Bodenplatten ihre Aufmerksamkeit erweckt. In Tunesien verdichtet sich die Faszination zu einer neuen Werkgruppe - wie bei früheren ausgehend von bestehenden architektonischen Strukturen und Grundrissen von Gebäuden.

Die omnipräsenten, abstrakten Muster islamischer Baukunst verbinden sich in den entstehenden Bildern mit der Formensprache der Abstraktion, die wir in unserem Kunstverständnis gerne als "konkret" bezeichnen, ohne immer genau zu wissen, was genau wir damit meinen.

Auf die aus der arabischen Welt stammenden Symmetrien und ohne rechten Winkel auskommenden Abfolgen von Mustern legt Ernst Grundrisse von Moscheen. Diese den Gesetzen der Architektur und Mathematik folgenden Strukturen legt sie bis auf ihren essenziellen Kern frei. Im Ergebnis entstehen Bilder, die arabisches und westliches Formenverständnis in einer einzigen Leinwand miteinander sprechen lassen.

Sich die Freiheit nehmend, welche uns an der Kunst so gefällt, greift Rita Ernst bei manchen Bildern noch einmal ein und appliziert eine dritte Schicht aus Glas- und Kunststoffsteinen oder aus kleinformatigen Spiegelstücken. In letzteren spiegeln sich Fragmente des Betrachters - eine subtile Anmerkung zum islamischen Verbot der Menschendarstellung, freilich eine abstrakte und nicht-narrative. Diagonalen, Kreise, horizontale und vertikale Linien legen sich über das ursprüngliche Bild, bilden neue Muster.

Stellt man seine Augen auf Nah-, dann auf Fernsicht, wird die zweidimensionale Leinwand räumlich, die Bilder bewegen sich dreidimensional vor und zurück.

Das dominierende Licht- und Farbspektrum der Bilder ist bewusst eng gehalten, aus dieser Beschränkung kann sich der Bildraum erst recht frei entfalten: Differenzierung entspringt dem Verzicht auf die verführerische Variabilität der Farbpalette. Bleiche und kräftige Farben neigen sich einander zu und begleiten sich wohlwollend in diesen Bildern.

Die so entstandenen Gemälde erschliessen sich uns im gemächlichen Rhythmus. Die Bilder nehmen sich ihre Zeit und fordern sie auch vom Betrachter. Wer die Zeit hat, dem begegnen sie an der Wand als Fenster zu einer Welt voll hellem Licht und fragiler Durchlässigkeit. Schöne Bilder, abstrakt - konkret und ornamental zugleich: nur scheinbar ein Widerspruch, wie Rita Ernst uns zeigt.

Artist Rita Ernst (*1956) is exhibiting a series of paintings that has never been shown in Zurich before. After her 2009 exhibition at Haus Konstruktiv in Zurich, Rita Ernst has since become known to a broader art audience.

In 2008, Senator Ludovico Corrao from the Sicilian Fondazione Orestiadi invited Swiss-born Rita Ernst, who lives between Sicily and Zurich, to Tunisia. In Sicily, the ornamental patterns of the old ceramic floor tiles aroused her attention. In Tunisia, the fascination solidified to a new group of work-similar to earlier works based on existing architectural structures and building floor plans.

The omnipresent, abstract patterns of Islamic building arts coalesce in the images using the formal language of abstraction that we-in our understanding of art-like to label as "concrete" without always knowing exactly what we mean by that.

Ernst applies the symmetries and sequences of patterns, with no right angles, originating from the Arab world to the floor plans of mosques. She then exposes the resulting structures that follow the rules of architecture and mathematics, revealing their essential core. The results are pictures that allow the Arab and Western understandings of form to communicate with each other on one canvas.

Taking the liberty to intervene once again, an aspect of art that pleases us so much, Ernst applies a third layer made of glass or plastic tiles, or small pieces of mirrored glass. In the latter option, fragments of the viewer are reflected-a subtle (and certainly abstract and non-narrative) reference to the Islamic prohibition of depicting human figures. Diagonals, circles, horizontal and vertical lines are overlaid on the original image, forming new designs.

When one alternates the visual perception of depth between near and far, the two dimensional canvas becomes spatial, the pictures move three-dimensionally backwards and forwards.

The pictures' dominant light and color spectrum is consciously kept narrow. From these limitations pictorial space can freely unfold even more: Differentiation flows by relinquishing the seductive variations of the color palette. In these paintings, pale and intense colors approach and accompany each other with complaisance.

The works reveal themselves to us at a leisurely pace. The pictures take their time and demand as much from their viewers. For whoever has the time encounters the pictures on the wall as windows to a world full of bright light and fragile transparency. Beautiful pictures, abstractly concrete and ornamental at the same time: only a seeming contradiction, as Rita Ernst shows us.

     
       

 

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